Wer erreichbar ist, hat es nötig! Offline als Status

06. Apr 2016 • News • zukunftsinstitut • Trendforschung • Wirtschaft, Politik & Gesellschaft • Kultur • Marketing & Medien

Irgendwann im Leben kehren sich die Dinge um. Man erreicht den digitalen Tipping Point. Verbindungsakte werden zu Pflichtübungen. Links zu Störungen, Kontakte zu Komplikationen. Das ist der Moment der Erkenntnis: Wer erreichbar ist, hat es nötig. Wer unentwegt auf Xing freundlich zu allen ist, braucht dringend einen Job. Wer ständig über sein Innenleben twittert, leidet unter einer Autonomiestörung. Digitales Cocooning: Offline als Status - ein Essay von Matthias Horx

Ich kann mich noch gut an Business-Kongresse erinnern, auf denen CEOs stolz verkündeten, “always on” zu sein. “Ich bin immer für jeden meiner Mitarbeiter per Mail erreichbar!” Das war eine der mächtigsten Illusionen, die die digitale Neuzeit mit sich brachte: Online sein als revolutionäre Lebensform. Mit allen verbunden, in Echtzeit, einfach da! Es brauchte zehn Jahre Erfahrungen mit Multitasking, und Shitstorm, mit Hatemails und Cybermobbing, es brauchte drei Quadrillionen Bytes, die durch unsere persönlichen Datenkanäle rauschten, bis wir verstanden, dass derjenige, der “always on” ist,  ein Problem hat.  

In den USA weiß jeder, was ein FOMO-Syndrom ist: Fear Of Missing Out. Die panische Angst, etwas zu verpassen. Dieses Gefühl, nicht zu existieren, wenn nichts im Postfach klingelt, ist nur eine von rund 20 intermentalen Krankheiten, die uns das  Internet beschert beziehungsweise die es verschärft hat. Der Infografiker David McCandless hat sie in einem hübschen Katalog zusammengefasst – zum Beispiel:

  • Infoglut: Halbbewusstes oder bewusster Verschlingen großer Mengen an leerer Information.
  • Hypermind: Das Gefühl des Sinnloswerdens aller realen Inhalte durch Überverlinkung und unentwegtes Hüpfen von Link zu Link zu Link.
  • Ampulsivity: Der Drang, ständig etwas mit Smileys oder Ausrufezeichen oder Fluch-Zeichen loszuschicken, um eine Reaktion zu erhalten; vulgo digitales Brechreiz-Syndrom.
  • Contentstipation: Das Gefühl schwerer Verstopfung durch “read later”-Texte und eine ständig überfüllte Mailbox und nie beantwortete Kanäle.

Das Internet ist deshalb ein Suchtmittel, weil es uns an unserem archaischen Grund-Bedürfnis nach Verbundensein und Wahrgenommenwerden packt. Wenn man zwischen zwölf und 25 Jahre alt ist, spielt das im Leben die entscheidende Rolle: Wer gehört zu mir, wie werde ich ”gefunden”? Wer “liked” mich – und wenn ja, wie viele? Aber nicht nur Tragödien wie die der Online-Diva Essena O’Neall, die sich auf Instagram jahrelang lasziv und exhibitionistisch auszog, und dann in einem öffentlichen Nervenzusammenbruch ihren Fans verkündete (ungeschminkt), dass das Netz ihr Leben ruiniert habe, und sie von nun an offline sein werde, zeigen, wohin die Logik der Erreichbarkeit führen kann: in ein narzistisches Nirvana.

Irgendwann im Leben kehren sich die Dinge um. Man erreicht den digitalen Tipping Point. Verbindungsakte werden zu Pflichtübungen. Links zu Störungen, Kontakte zu Komplikationen. Das ist der Moment der Erkenntnis: Wer erreichbar ist, hat es nötig.Wer unentwegt auf Xing freundlich zu allen ist, braucht dringend einen Job. Wer ständig über sein Innenleben twittert, leidet unter einer Autonomiestörung. Der Kollege, der alles mit allen teilt, ist schrecklich unsicher. Ständig erreichbar, sind in der modernen Dienstleistungswelt Handwerker, Lastwagenfahrer, Boten und andere Menschen unter Druck.

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